Die historische Doppelzunge di-d’ll
Der folgende Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch „Das Blockflöten-Kompendium“ von Manfredo Zimmermann.
Wenn man die historischen Lehrwerke für Holzblasinstrumente des 17. und 18. Jahrhunderts nach den Techniken der Doppelzunge durchforstet, wird man feststellen, dass die modernen, heute üblichen Formen fast nicht erwähnt werden. Lediglich Ganassi beschreibt, dass man „ta-ka-ta-ka“ artikulieren soll, wenn man Schreckliches oder Wütendes ausdrücken möchte. Ansonsten findet man in der Mehrzahl „weiche“ Doppelzungen wie „le-re-le-re“ oder „de-re-le-re“ oder eben „di-d’ll-di-d’ll“. Johann Joachim Quantz beschreibt diese spezielle Artikulation in seinem Buch „Versuch einer Anleitung die Flöte traversiere zu spielen“ (Berlin 1752). Sie wurde von vielen anderen so oder ähnlich übernommen (J. G. Tromlitz, J. Gunn, etc.).
Das Klangresultat ist, ganz im Sinne der barocken Ästhetik, die den Instrumentalisten aufforderte, jederzeit den Gesang zu imitieren, eine an vokale Koloratur erinnernde schnelle Tonfolge.
Wichtig: „di-d’ll-di-d’ll“ ist eine Hochgeschwindigkeitsartikulation!
Diese spezielle Artikulationsform weist einige Besonderheiten auf, die sie von den herkömmlichen wesentlich unterscheidet. Dies betrifft vor allem die zweite Silbe „d’ll“.
Bei den üblichen Artikulationskonsonanten berührt die Zunge den Gaumen. Im Normalfall tut sie dies vorne, hinter den Schneidezähnen. Bei der Doppelzunge wird der hintere Gaumen durch einen Konsonanten „K“ oder „G“ touchiert.
Wenn man jedoch „di-d’ll-di-d’ll“ artikuliert, ändert sich ein Aspekt fundamental: Nach dem „di-d“ löst sich die Zunge von den seitlichen Backenzähnen. Sie tut dies, indem sie sich abrupt zusammenzieht.
Wichtig: Dabei bleibt die Zungenspitze an ihrem Berührungspunkt hinter den Schneidezähnen. Die Luft muss nun rechts und links von der Zungenspitze vorbeiströmen. Das fühlt sich erst einmal ungewohnt an.
Was ist nun neu und bereitet anfangs oft Schwierigkeiten? Das wäre zuerst die „neue“ Aufgabe der Zunge: Sie muss sich nicht nur in Längsrichtung bewegen, sondern sich im schnellen Wechsel auch zusammenziehen und anschließend wieder in die Normalstellung zurückkehren.
Das bedeutet: die Artikulation, also der Impuls für den Tonbeginn, findet seitlich statt. Beim „d’ll“ löst sich die Zunge von den Zähnen und erzeugt dadurch den Tonbeginn.
Achtung: Sehr oft wird diese Doppelzunge falsch ausgeführt. Statt „di-d’ll-di-d’ll“ wird mit fauler Zunge „di-ll-di-ll“ artikuliert. Hierbei fehlt der seitliche Kontakt der Zunge mit den Zähnen, der den Luftstrom unterbricht, und es wird kein artikulierter Ton gehört.
